SWISSMANN 2014 Rennbericht

Berge. Die Schweizer lieben ihre Berge. Man kann sie verstehen, denn sie haben viele Berge, hohe und von unten schön anzusehende Berge mit herrlicher Aussicht nach unten, wenn man oben steht.

Und wenn die Schweizer gemeinsam gegen die Uhr Sport machen, dann versuchen sie möglichst viele ihrer geliebten Berge zwischen Start und Ziel einzubauen. Das hat fast schon Tradition, mit weniger wären die Eidgenossen nicht zufrieden: Jungfraumarathon, Gigathlon, Transswiss Triathlon, Inferno Triathlon.

So gesehen haben wir beim Swiss Extreme Triathlon noch Glück gehabt, weil es nur über Pässe ging, die erfahrungsgemäß eher zwischen den Bergen liegen und nicht am Gipfel. Aber von vorne, es geht ja um Triathlon, da fängt man mit dem Schwimmen an und auch in der Schweiz geht es da nicht bergauf.

Der SwissMan oder Swiss Extreme Triathlon ist ein Wettkampf, der – wie der Celtman in Schottland – nach dem gleichen Konzept wie die „Mutter aller Extreme Triathlons“ funktioniert, dem Norseman in Norwegen: ein Langdistanztriathlon (3,8km – 180km – 42km) auf sehr anspruchsvollen Strecken in beeindruckender Landschaft, bei dem jeder Teilnehmer seine Versorgung und Betreuung durch ein Support-Team selbst organisieren muss. Es stehen also nicht Zwischenzeiten und Platzierungen im Vordergrund, sondern das gemeinsame Erlebnis von Teilnehmer und Supportern. Und am Ende der Respekt vor der Leistung jedes einzelnen Finishers, eine der ursprünglichen Ideen der Sportart Triathlon. „Gefördert“ wird diese Atmosphäre durch kleine Starterfelder von max. 250 Teilnehmern, was v.a. der Streckenführung über die Berge  geschuldet ist, die eine Massenveranstaltung nicht zulassen würde.

Vor dem Start

Vor dem Start

Beim SwissMan werden die knapp vier Kilometer im Lago Maggiore geschwommen, auch ohne Sport schon eine Reise wert. Nachdem wir das Fahrrad in die Wechselzone (einem Parkplatz eines Strandbades) gestellt hatten, wurden wir zur wirklich unchristlichen Uhrzeit (kurz nach vier, in der Nacht) von einem Ausflugdampfer in Ascona abgeholt und zur Insel Brisago geschippert. Von dort wurden wir um 05.00h auf den Weg  zurück nach Ascona geschickt. Ich habe mich von Anfang an von irgendwelchen Gruppenaktivitäten fern gehalten und bin auf eigene Faust im Dämmerlicht auf das blinkende Signal im Zielbereich zu geschwommen. Nachdem es dieses Jahr  beim Schwimmen nicht so richtig lief, hatte ich keine großen Erwartungen und war umso überraschter als mir meine Mutter beim Ausstieg „Du bist 9.“ zugerufen hat. Da aber die „extremen“ Triathlons eher am Berg entschieden werden, war die Position nach dem Schwimmen bestens geeignet, um die späteren Top-Platzierten zu betrachten, wenn sie beim Radfahren von hinten ankommen. 

Schwimmstart

Die Anfangskilometer der Radstrecke führen durch Ascona und später auf der alten Landstraße durch mehrere kleinere Ortschaften über Bellinzona nach Biasca und weiter nach Airolo. Bis dahin sammelt man auf den gut 70 Kilometern schon gut 1000 Höhenmeter, weil es bis Biasca immer wieder bergauf bergab und danach stramm nach oben geht. Das Wetter war perfekt, schon um die frühe Uhrzeit an die 20 Grad, und meine Beine so gut, dass ich mit dem späteren Zweitplatzierten in Richtung Gotthardpass gefahren bin. Ich habe erst hinterher erfahren, dass er ein Spezialist für bergige Triathlons ist, sonst hätte ich vielleicht etwas mehr Respekt gehabt. Manchmal ist Unwissenheit aber ganz gut bzw. schadet nicht.St. Gotthard

St. Gotthard

Airolo kennen die meisten nur als Ein- bzw. Ausfahrtspunkt des Gotthardtunnels, für uns war es der Einstieg auf die Passstraße des Gotthard. Kurz hinter Airolo trennten sich die Routen der Athleten und der Supportfahrzeuge, die bis dahin immer wieder an der Strecke Verpflegung reichen konnten. Die Supporter fuhren weiter über die neue und gut ausgebaute Passstraße, während die Athleten die gut 8 Kilometer zur Passhöhe über die alte, überwiegend  mit Kopfsteinpflaster belegte „Tremola“ fahren mussten. Wir hatten am Abzweig auf die Tremola noch einen Verpflegungsstopp vereinbart, damit ich die schwierigere Nahrungsaufnahme im Anstieg auf ein Minimum beschränken konnte. Das hat dummerweise nicht geklappt, weil ich trotz Streckenbesichtigung am Vortag den möglichen Stopp vor dem Abzweig nicht erkannt habe und munter an Riegel und Co. vorbeigeradelt bin – danach wusste ich, warum meine Eltern, Laura und Michi etwas erstaunt geschaut haben.

Und dann kam die nächste vermeidbare Überraschung: die „Zitterei“ auf dem Kopfsteinpflaster hätte eine etwas größere Übersetzung verdient als ich sie dabei hatte. Schlecht geplant, also reinhocken und hochdrücken. Auf dem Stück kamen dann noch drei, vier starke Radfahrer von hinten an mir vorbei geflogen, psychologisch auch kein Vorteil. Aber selbst wenn man mit seinen Fehlern hadert, geht jeder Anstieg mal irgendwann zu Ende und man kann sich damit beruhigen, dass die Hälfte der Strecke mit dem Gotthard geschafft ist. Auf der Passhöhe habe ich dann ordentlich verpflegt, den Mund für die Abfahrt mit vorgekochten Tortellini vollgestopft und ne leichte Weste und Armlinge übergezogen, mehr war wegen des guten Wetters nicht nötig. Verpflegung

Verpflegung mit Tortellini und Co.

Man rauscht vom Pass Richtung Andermatt auf der neuen Passstraße teilweise mit 80 Sachen von gut 2100m auf 1500m und biegt in Hospental ab, um zum Furkapass (ca. 2400m) wieder 18 Kilometer bergan zu radeln. Ich hatte mich bis dahin wieder einigermaßen erholt und bin gut nach oben gekommen – ab gut 1800 Hm merkt man die dünne Luft und es wird anstrengend, aber Augen zu und durch hilft eigentlich immer. Auf der Passhöhe wieder das gleiche Prozedere (Tortellini + Weste / Armlinge) und anschließend 10 Kilometer flotte Abfahrt runter nach Gletsch (1700m). In Gletsch biegt man ab in den letzten ernsthaften Anstieg hoch zum Grimselpass, ca. 6 Kilometer hoch auf gut 2200m. An diesem Punkt waren meine Beine schon so „beansprucht“, dass ich wegen der langen Abfahrt (Auskühlung) zunächst mit leichten Krämpfen zu kämpfen hatte. Ich habe mir aber nicht zu viele Sorgen gemacht, da ich das Phänomen schon von anderen Rennen kannte. Augen zu und durch. Mit dem Grimselpass war dann das Schlimmste überstanden, 140 Kilometer hinter sich und vor einem 40 Kilometer bergab und flach bis zum Ziel am Brienzer See. In der Abfahrt habe ich erst realisiert, wie hoch wir seit Ascona geklettert waren – sie wollte einfach kein Ende nehmen und bergab segeln kann so schön sein. Radstrecke
Über die Pässe...

Die Wechselzone am Südostufer des Brienzer Sees war spartanisch, wie es sich für einen Extreme Triathlon gehört: eine Ecke, wo die Supporter ihr Auto parken können, eine Ecke, wo sie die Laufsachen hinstellen können, ein Pavillon für die Organisatoren, fertig. Der übliche Schnickschnack wie Beutelzone, Umziehzelt, Radständer, Helfer hier und da, Obstbuffet … wer braucht das schon, wir waren ja zum Sportmachen da. Wer das nicht mehr kennt, melde sich einfach mal bei einem Feld-Wald-und-Wiesentriathlon an (so ein Ding, wo weder Ironman noch Challenge im Namen steht). Der eigentliche Wechsel geht auch recht gemütlich vonstatten. Komplett umziehen, Sonnencreme auftragen, Essen und trinken, kurzes Schwätzchen halten – wie gesagt, Zwischenzeiten werden nicht aufgeschrieben.

Die Laufstrecke führt vom See (ca. 600m) zur Kleinen Scheidegg unterhalb von Eiger, Mönch und Jungfrau (ca. 2000m), teilweise auf der Strecke des Jungfraumarathons. Berglandschaft und herrliche Blicke waren also beim Kaiserwetter am Wettkampftag garantiert.Giesbachfälle

Giesbachfälle

Aus der Wechselzone ging es gleich 2,5km steil bergan zu einem Hotel und von dort über die Giessbachfälle (mit Abkühloption unter den Fällen) wieder auf Waldwegen mit Ausblick auf den türkisblauen Brienzer See hinunter auf Seehöhe – bis dahin hat dieses Stück Laufstrecke schon eine Top-3-Platzierung in meiner 25 Jahre langen Triathlonliste bekommen. Auf der Südseite des Sees bis Interlaken kommt man an verschiedenen Stellen vorbei, wo man problemlos ein Bad hätte nehmen können. Die Dusche habe ich mir dann bei ca. 14 Kilometern am Ortsrand von Interlaken von meinen Supportern geholt, es war schon ordentlich warm. Ab dem Punkt hat mich Laura begleitet, ein großes Plus, weil sie Gels und Getränke im Rucksack mitgeschleppt hat und ich mich aufs Laufen konzentrieren konnte. Natürlich war es auch motivierend nicht alleine laufen zu müssen und sich zu unterhalten. Von Interlaken läuft man den normalen Radweg Richtung Grindelwald, der mal mehr, mal weniger steil durch die kleinen Ortschaften am Weg führt. Laufstrecke

Brienzer See

Dass wir gut unterwegs waren, haben wir gemerkt, als wir immer wieder vor uns liegende Läufer gesehen und schließlich eingeholt haben: einer ist am Gotthard an mir vorbei, ein anderer war nach dem Radfahren noch weit vor mir – es ist ein langer Tag und die Kunst liegt im richtigen Einteilen. Ich bin als 12. vom Rad, und als ich die ersten beiden überholt hatte und auf Platz 10 lag, war ich schon weiter vorn, als ich je erwartet hätte. Alles was danach kam, war Zugabe. Wer schon mal das Erlebnis hatte von hinten aufzuholen, weiß was ich meine: noch einer und noch einer, man könnte ewig so weiter machen, irgendwie ganz leicht. Bis Grindelwald waren wir auf Platz 8 vorgelaufen und am letzten Checkpoint an der Talstation der Zahnradbahn war Platz 7 in Sichtweite. Alpenpanorama
Lauf mit Laura

Vom Kontrollpunkt biegt die Strecke für die letzten 9 Kilometer und gut 1000 Hm auf den Wanderweg von Grindelwald zur Kleinen Scheidegg. Mit Laufen im Sinne von rennen ist es dann vorbei, es ist einfach zu steil. Man geht zügig bergan und kann bei dem Tempo sogar das Bergpanorama genießen: 2000m bis 3000m über uns die Eigernordwand und weiter entfernt die Gipfel von Mönch und Jungfrau. Platz 7 war schnell erwandert und Platz 6 war irgendwo auf halbem Weg nach oben – die Jungs konnten nicht mehr schneller und mir ging es prächtig. Da der Wanderweg mehrfach an der Zahnradbahn entlang läuft, konnten wir den Rest meines Supportteams zuwinken, der mit der Bahn zur Kleinen Scheidegg gefahren sind. Beim letzten Stopp der Bahn haben wir Michi noch zum Mitmachen motiviert und sind die letzte halbe Stunde gemeinsam nach oben.
Laufstrecke
Kurz vor dem Ziel

Das Ziel haben wir nach nicht ganz 13 Stunden erreicht, Platz 6, etwas über eine Stunde nach dem Sieger – unglaublich, aber wahr.
Ziel

Ziel

Ich glaube, ich habe tatsächlich mal „den perfekten Tag“ erwischt: fast alles hat gepasst; was nicht gepasst hat, war am Ende auch kein Problem; die Supporter haben alles richtig gemacht und auch ihren Spaß.
Siegerehrung
Siegerehrung

Sollte man einen günstigen Zeitpunkt abpassen wollen, um eine „Karriere“ zu beenden, dann wäre das so einer.
Siegerehrung
Siegerehrung

Kleine Scheidegg

Kleine Scheidegg

 

Vielen Dank an Laura, Michi und meine Eltern!

 

 

 

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